Eine meist unverstandene Erkrankung
Das Lipödem ist eine chronische und meist progrediente Erkrankung mit einer umschriebenen Fettverteilungsstörung vorwiegend der unteren Extremitäten. Seltener sind auch die oberen Extremitäten betroffen. Die Disproportionen finden sich meistens am Gesäß, den Oberschenkeln und den Oberarmen, aber es können auch die Unterschenkel und Unterarme betroffen sein. Neben einem orthostatischen Ödem werden, Hämatomneigung, Druck- und Spannungsschmerzen klinisch häufig gefunden. Zur sicheren Diagnosestellung reichen die aufgeführten Symptome meistens aus, kostenintensive Diagnostik ist nicht notwendig. Die Sonographie gibt die letzte Diagnosesicherheit.
Bei vielen Patienten wird die richtige Diagnose eines Lipödems erst nach einem langen Leidensweg gestellt. Bei einer Befragung von 163 Patienten in meiner Praxis lag der Durchschnitt bis zum Einsetzen einer wirksamen Therapie bei 8.9 Jahren.
Das Lipödem findet sich fast ausschließlich bei Frauen. Sind Männer betroffen, so finden wir häufig hormonelle Funktionsstörungen auf dem Boden einer äthyltoxischen Leberzirrhose.
Die umschriebene Fettgewebsvermehrung ist von weicher Konsistenz und auf Druck hinterlässt es keine Eindellungen. Die Füße sind beim reinen Lipödem nicht betroffen. Das bei einem Lymphödem zu findende Stemmerzeichen ist negativ. Zu Beginn eines Lipödems ist das Subcutangewebe gleichmäßig verdickt in der Ultraschalluntersuchung darstellbar, im weiteren Verlauf zeigt es sich knotenförmig. Eine Fibrosierung finden wir im fortgeschrittenen Stadium.
Abhängig vom Schweregrad und Dauer eines Lipödems entwickelt sich ein sekundäres Lymphödem mit dem ihm typischen Symptomen.
Auf Grund von Unkenntnis und kommt es zu immer noch zu unsinnigen Therapieempfehlungen. Das Lipödem ist eine chronisch-progrediente Erkrankung, wobei die von der Fettgewebsvermehrung betroffen Partien nicht durch Sport oder Diäten beeinflussbar sind. Diäten werden jedoch aufgrund des hohen Leidensdruckes von fast allen Patienten, vor der richtigen Diagnosestellung, durchgeführt und frustran abgebrochen. Diese negativen Erlebnisse enden nicht selten in Depressionen, sozialer Isolierung und zu einer „aufgepfropften“ alimentären Adipositas.

 

Die konservative Basistherapie
Ziel der Behandlung ist Schmerzlinderung durch die Reduktion des orthostatischen Ödems. Im Frühstadium der Erkrankung gelingt dieses meist durch das Tragen von flachgestrickten Kompressionsstrümpfen. Bei nicht mehr reversiblem Ödem gilt die zusätzlich durchgeführte manuelle Lymphdrainage als Methode der Wahl gemäß Leitlinie.
Unterstützend, aber die MLD nicht ersetzende, kann eine apparative intermittierende Kompression zu Hause durchgeführt werden. Die Basistherapie reduziert das Ödem, ohne jedoch die Fettgewebsvermehrung zu beeinflussen.

 

Die Vibrationsliposuktion
Die Vibrationsliposuktion hat sich inzwischen international zu einem Standartverfahren entwickelt. Die speziellen Mikrokanülen saugen mit einer Frequenz von 4000 Hz das Fettgewebe ab unter weitgehender Schonung von Gefäßen und Nerven. Der Eingriff wird unter Tumeszens-Lokalanästhesie durchgeführt und
meistens sind mehrere Sitzungen notwendig um ein kosmetisch gutes Ergebnis zu erzielen. Aufgrund der Schwellneigung sollte unmittelbar nach der operativen Therapie mit der physikalischen Therapie und entsprechenden Bestrumpfung begonnen werden. Eine Schädigung des Lymphgefäßsystems mit Auftreten eines Lymphödems konnte bis heute nicht beobachtet werden.

 

Ernährungsberatung
Obwohl beim Lipödem die betroffenen Regionen nicht durch Diät oder Sport zu beeinflussen sind, liegt bei den meisten Patienten zusätzlich eine alimentäre Adipositas vor. Diese angegessenen Pfunde sind durch Sport oder Diät angehbar, und die so fallenden Pfunde führen beim Patienten zu einer positiven Grundstimmung, welche der Therapeut zur weiteren Motivation aufgreifen sollte.

 

Mentales Coaching
Durch die häufigen nicht zum gesteckten Ziel führenden Diäten, die Anfeindungen von außen, dem häufig zu findenden Mobbing in der Firma und nicht zu letzt durch Nichtwissen über seine Erkrankung, sind seelische Schäden zwangsläufig. Sie können von Frustration über Resignation bis hin zu schweren Depressionen mit Selbstmordgedanken reichen.
Die Patienten haben das Vertrauen in sich und auch in die Ärzteschaft verloren. Es gilt sie wieder einzuladen, das Vertrauen wiederzugeben und sie für neue Ziele zu inspirieren. Je nach Schweregrad der seelischen Störung ist dieses nicht ohne die Zuhilfenahme eines Psychotherapeuten/in möglich.

 

Qualität
Die Behandlung des Lipödem bedarf, sowohl bei den konservativen als auch den operativen Verfahren, den Fachmann mit entsprechender Erfahrung und Qualifikation. Hierbei ist darauf zu achten, dass die einzelnen Interessengruppen untereinander kommunizieren und dieses in verständlicher Weise. Dass der Patient im Mittelpunkt der Therapie zu stehen hat, versteht sich von alleine. Was häufig vergessen wird ist die Einbeziehung des direkten Umfeldes, wie Lebenspartner und Kinder.
Aufgrund das so viele Hände in der Therapie im Spiel sind, ist es sinnvoll, wie bereits bei den Wundzentren geschehen, ebensolche Zentren auch für die Behandlung des Lymph- und Lipödem zu schaffen. Es erspart viel Zeit für den Patienten, ermöglicht eine besser Kommunikation und spart Geld, da zum Beispiel Personal von den unterschiedlichen Fachdiziplinen gemeinsam genutzt werden kann.
Es hat sich in der Vergangenheit bewährt, für die Therapie eine Person zu bestimmen, welche die sogenannte Therapieoberheit innehat. Diese Person, meist ein Arzt, wird vom Patienten bestimmt, und hat als einzige Aufgabe die Therapie optimal zu begleiten, Defizit zu erkennen und deren Beseitigung in die Wege zu leiten.

 

Fazit
Ein Lipödem lässt sich leicht und frühzeitig erkennen und behandeln. Obwohl immer noch nicht von den Krankenkassen bezahlt, sollte die Liposuktion frühzeitig erfolgen. Die manuelle Lymphdrainage muss lebenslänglich erfolgen, da es sich um eine chronisch-progrediente Erkrankung handelt. Eine Pause von 3 Monaten zwischen den Behandlungsintervallen ist nicht sinnvoll und stellt eine Gefahr für den Patienten dar.
Ebenso ist das Tragen von flachgestrickten Kompressionsstrümpfen Stadien gerecht notwendig um dem Umstand der Umfangsreduktion Rechnung zu tragen.

Leider findet die Beachtung der seelischen Störungen noch viel zu selten Eingang in die Therapie des Lipödems. Aufgrund der komplexen Behandlung des Lymph- und Lipödems, mit vielen verschiedenen Fachkräften, wäre eine Zentrumsbildung, ähnlich der Wundzentren, zumindest in den Ballungsräumen, wünschenswert.