Lipohypertrophia dolorosa ( ehemals Lipödem ) von der Diagnose bis zur Therapie ( Kurzfassung )

Ätiologie und Pathogenese

Die Ursache für die Entstehung eines Lipödem ist nach wie vor unbekannt.

Es gibt verschiedene Hypothesen vom Enzymdefekt bis zu genetischen Faktoren. Für alle Hypothesen gibt es ein Pro und Kontra.

Dieser Umstand lässt uns zur Zeit nur die Symptome des Lipödems behandeln, und leider noch nicht die wahre(n) Ursache / Ursachen.

Symptome und Verlauf

Das Lipödem ist gekennzeichnet durch eine lokalisierte Fettverteilungsstörung an den Armen und Beinen.

Die Füße sind beim reinen Lipödem, wie die Hände, nie betroffen.

Die Erkrankung kann chronisch-progredient verlaufen oder in Schüben.

Es lassen sich drei Stadien unterscheiden:

Stadium 1: die Hautoberfläche ist glatt, das subcutane Fett erscheint gleichmäßig dicht und homogen.

Stadium 2: die Hautoberfläche ist wellenförmig, das subcutane Fett ist knotig tastbar.

Stadium 3: die Hautoberfläche zeigt ein pflastersteinartiges Relief, das subcutane Fettgewebe ist grobknotig, es besteht eine massive Umfangsvermehrung mit überhängenden Gewebeanteilen.

Allen Stadien gemeinsam ist die typische Fettverteilung, das berührungs- oder druckempfindliche Lipödemgewebe, sowie das Auftreten von diffusen Hämatomen ohne erkennbaren Grund. Das Stadium korreliert nicht mit der schwere der Symptome. Auch müssen die einzelnen Stadien nicht zwangsläufig ineinander übergehen. Der Verlauf, das Ausmaß und die Dynamik eines Lipödem kann nicht vorhergesehen werden und variiert von Patient zu Patient.

Von einem Lip-Lymphödem oder Lipolymphödem sollte man nicht mehr sprechen, da ein Lipödem keine lymphatische Erkrankung primär ist.

Ein Lymphödem gesellt sich mit der Zeit zum Lipödem, ähnlich wie bei der chronisch venösen Insuffizens. Es sind zwei unterschiedliche Erkrankungen.

Bei einem Lymphödem finden sich dann auch die Lymphödem typischen Symptome, wie Fußrückenödem, Kastenzehen bis hin zur Dermatosklerose und Papillomatose.

Auffallend bei einem Patienten mit Lipödem sind die deutlichen Kalibersprünge des Unterhautfettgewebes zwischen Körperstamm und Extremitäten. Typische Stellen sind über den Hüftgelenken, an den Innenseiten der Oberschenkel, hier insbesondere über dem Knie, sowie in den Achillesgruben.

Man unterscheidet unterschiedliche Lipödemtypen, je nach Lokalisation und Ausprägung.

Typ 1: betroffen sind nur die Oberschenkel, eventuell einschließlich dem Bereich über beiden Hüftgelenken

Typ 2: betroffen sind Ober- und Unterschenkel, sog. Säulenbein

Typ 3: betroffen sind Ober- und Unterschenkel und Oberarme

Typ 4: betroffen sind Oberschenkel und Oberarme

Typ 5: betroffen sind Arme und Beine komplett

Typ 6: betroffen sind nur die Oberarme, extrem selten

Typ 7: betroffen sind nur die Unterschenkel, selten

Typ 8: betroffen sind nur die Unterarme, extrem selten

Schaut man sich das Krankheitsbild des Lipödem an, so finden sich bei allen Patienten eine typische Fettverteilungsstörung, eine Hämatomneigung und Dysästhesien ( Berührungs- oder Druckempfindlichkeit). Diese drei Symptome ( von mir A-Symptome genannt) müssen zur Diagnose eines Lipödems vorliegen.

In unterschiedlicher, prozentualer Häufigkeit findet man sogenannte B-Symptome.

Generalisiert:

Unfähigkeit an den betroffenen Stellen abzunehmen
Schmerzen
Müdigkeit
Konzentrationsstörungen
Wortfindungsstörungen
psychiatrisch:
Depression
Traurigkeit
Ängstlichkeit
kardial:
Herzrasen
Rhythmusstörungen

pulmonal:

Kurzatmigkeit
gastrointestinal:
Durchfall
Obstipation
Nahrungsmittelunverträglichkeit(en)

gynäkologisch:

gestörte Menstruation
Myome
Endometriose
unerfüllter Kinderwunsch
endokrinologisch:
Gewichtszunahme / Adipositas
Blutzuckerschwankung
Häufig zu findende, pathologische Laborparameter:
Vitamin D3, B6,B12
Folsäure
Häufig zu findende Begleiterkrankungen:
Hypothyreose
Morbus Hashimoto
Diabetes mellitus

 

Diagnostik

Die Diagnose Lipödem ist schwierig und gehört in die Hände eines erfahrenen Arztes. Eine Diagnose durch die Hose ist nicht möglich. Eine gewissenhafte Anamnese ( Krankengeschichte), sowie Inspektion und Palpation am entkleideten Patienten sind zwingend erforderlich.

Im Ultraschall der Weichteile lässt sich die Fettgewebsdicke und die Fettgewebskompression ermitteln. Es lassen sich auch die einzelnen, unterschiedlich großen, Lipome erkennen. Die Sonographie alleine ist nicht beweisend für das Lipödem. Ggf. lassen sich in dieser Untersuchung auch Fasciensklerosen erkennen. Auf Untersuchungen wie CT, MRT oder indirekte Lymphographie kann verzichtet werden, da diese Untersuchungen keine weiteren Erkenntnisse zur Diagnosefindung „Lipödem“ liefern.

Ggf. sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig um andere Erkrankungen, welche dem Lipödem ähnlich sind, auszuschließen.

Differenzialdiagnosen

Einige Erkrankungen haben ähnliche Symptome wie das Lipödem. Diese gilt es durch gezielte Anamnese, eine genau körperliche Untersuchung und unter Verwendung weiterer Diagnostik auszuschließen. (s.Tab. 1)

Tabelle 1

mod. n. Meier-Vollrath, Schneider, Scmeller

Geschlecht
Beginn
Lokalisation
Symmetrie
Fettvermehrung
Druck- empfindlichkeit
Ödem
Füße

betroffen

Ernährungsumstellung hilfreich
Sonstiges
Lipödem
Frauen
Ab

Pubertät

Beine

Arme

ja
ja
ja
ja
nein
ja
1,2
Lipohyper-

trophie

Frauen
Ab Pubertät
Beine

Arme

Gesäß

Bauch

ja
ja
nein
nein
nein
nein
Primäres

Lymphödem

Frauen

Männer

Ab

Säug-

lings-

alter

Meist

Bein

Arm

nein
nein
nein
ja
ja
nein
3
Phlebödem
Frauen

Männer

Erwach-senen-alter
Beine
nein
nein
nein
ja
nein
nein
4,5
Morbus

Dercum

Meist

Frauen

Meist nach

Meno-

pause

Beine u../o. Arme.

Lipome könne jedoch überall auf-

treten

nein
ja
Ja

meist

sehr stark

Meist ja
Meist nein
ja
6,2,7
Adipositas
Frauen

Männer

Ab

Säug-

lings-

alter

Gesamter Körper
ja
ja
nein
nein
nein
ja
1 : Hämatonneigung

2: Eine basische Ernährung wirkt sich positiv auf die B-Symptomatik eines Lipödem / Morbus Dercum aus.

3: Stemmer-Zeichen positiv

4: Schmerzen im Bereich des Ödems.

5: pathologischer Venenfunktionstest, Zeichen einer chronisch venösen Insuffizienz

6: starke bis stärkste Schmerzen in den betroffenen Arealen

7: die Lipommassen können überall vorkommen

Therapie

Da die eigentliche Ursache für das Lipödem noch nicht erkannt worden ist, kann sich die Therapie nur an den Symptomen orientieren.

Somit fußt die Therapie auf fünf Säulen.

die komplexe physikalische Entstauungstherapie
die Liposuktion
die Ernährung
die Bewegung
die Psychotherapie

Komplexe, physikalische Entstauungstherapie und Kompressionsbestrumpfung

Leider gibt es keine valide Datenlagen zum Nutzen einer KPE bei Lipödem ohne Nachweis eines Lymphödems. Schaut man sich die gängige Literatur zum Nutzen der KPE beim Lipödem an, so erkennt man das

die Daten aus den Erkenntnissen zum Lymphödem einfach übernommen wurden. Ein Viertel aller Lipödem-Patienten gaben in einer Befragung innerhalb meiner Studie an, keine Nutzen aus der manuellen Lymphdrainage zu ziehen.

Die Kompressionstherapie beginnt mit einer Entstauungsphase, wo die betroffenen Extremitäten mit Kurzzugbinden versorgt werden. Im Anschluss an die Entstauungphase folgt die Erhaltungsphase mit Kompressionsstrümpfen. Leider zeigt häufig die Realität, dass die Entstauungsphase nicht durchgeführt wird.

Bei den Kompressionsstrümpfen unterscheiden wir zwei Strickarten.

Flachgestrickt, haben eine Naht
rundgestrickt, haben keine Naht.

Flachgestrickte Kompressionsversorgung kommt bei Lip- und Lymphödem zum tragen . Ein flachgestrickter Strumpf ist immer eine Maßanfertigung und darf weder zwicken noch rutschen.

Rundgestrickte Strümpfe werden bei Krampfadernerkranungen, bei Thrombosen oder anderen eiweißarmen Ödemen verordnet.

Kompressionsstrümpfe gibt es in unterschiedlichen Längen und Ausführungen. Für jeden Strumpftyp werden drei unterschiedliche Längen vorgehalten, sodass man kurze , normale und lange Beine versorgen kann.

Man unterscheidet vier unterschiedliche Ausführungen:

Wadenstrumpf (AD)
Halbschenkelstrumpf (AF)
Schenkelstrumpf (AG)
Strumpfhose (AT)

Daneben gibt es Maßanfertigungen für jeden Beintyp, so zum Beispiel Bermuda , Caprihosen oder Leggins.

Im Armbereich stehen Kopmpressionsstrümpfe mit und ohne Schulterkappe zur Verfügung ebenso mit und ohne Hand- und Fingereinschluss. Fast jedes Körperteil lässt sich mehr oder minder gut „bestrumpfen“.

Kompressionsbestrumpfung gibt es in vier unterschiedlichen Kompressionsklassen, von leichtem Druck in Ruhe ( Klasse 1) bis sehr kräftig (Klasse 4). Werden Strümpfe übereinander getragen, so verdoppelt sich auch der Ruhedruck.

 

Die Liposuktion

Die Liposuktion wird seit über 25 Jahren erfolgreich zur dauerhaften Entfernung des Lipödem eingesetzt. Sie sollte so früh wie möglich durchgeführt werden, da so die Folgeschäden und Begleitsymptome eines Lipödem vermieden werden können. Ziel der Liposuktion ist eine vollständige Entfernung des entzündliche veränderten Fettgewebes. Hierdurch lässt sich die sensible Stoffwechsellage bei Lipödem stabilisieren, das Immunsystem kommt zur Ruhe und die Schmerzen werden deutlich gebessert oder verschwinden völlig.

Ernährung

Die Ernährung hat einen erheblichen Einfluss auf das Lipödem, auch wenn die betroffenen Fettzellen sich nicht durch Diät oder Sport beseitigen lassen.

Durch eine basische Ernährung, über einen definierten Zeitraum mit anschließender basenlastiger Ernährung, lassen sich gute Resultate erzielen.

Hierdurch werden die meisten sogenannten B-Symptome des Lipödem deutlich reduzieren oder gar beseitigt (siehe oben).

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass eine solche Ernährung nur unter ärztlicher Kontrolle durchgeführt werden sollte. Regelmäßige ärztliche Vorstellungen und Blutkontrollen, wie Blutbild, Leber- und Nierenwerte, CRP, Schilddrüsenwerte und die durch das Lipödem betroffenen Vitamine müssen kontrolliert werden.

Da es sich beim Lipödem um eine chronische Erkrankung handelt, wird eine dauerhafte Diät notwendig sein. Forschungsergebnisse liegen hierüber jedoch noch nicht vor.

Bewegung / Sport

Bewegung tut gut und hilft Kalorien zu verbrennen, auch wenn sich die Lipödemzellen davon unbeeindruckt zeigen. Nun ist Bewegung nicht gleich Bewegung und nicht jeder Sport ist geeignet. Hopsen, springen, rennen ist nicht gut für den Lipödempatienten, zumindest nicht ab einem gewissen Stadium und Gewicht. Dennoch sollte und muss man sich bewegen. Die üblichen Sportangebote in den Fitnessstudios nehmen keine Rücksicht auf den Lipödempatienten.

Schwimmen, Aqua-Aerobic sind ideal und besonders effektiv. Der Auftrieb des Wassers entlastet die Gelenke und der Wasserdruck bewirkt eine ideal Lymphdrainage.

Lipoletic ist eine Trainingsart, welche extra für Lipödempatienten entwickelt worden ist. Die einzelnen Trainingseinheiten bauen aufeinander auf, sodass auch Patienten mit hohem Gewicht ihre Kalorien verbrennen können ohne die Gelenke zusätzlich zu belasten.

Psychotherapie

Da die Fettverteilungsstörungen häufig mit Depressionen einhergehen, ist unter Umständen eine Psychotherapie erforderlich. Viel häufiger hilft der Psychotherapeut jedoch in einer begleitenden Schmerztherapie.

Dr. med. Olaf Deling

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